DER ERINNERUNGSGARTEN von Martha Wieskus

 

Auf unserem Spaziergang durch die Kreativgärten gehen Martha und ich auf die rechte Straßenseite hinüber zum  Erinnerungsgarten. Hier blüht zur Zeit alles ganz wunderschön.

 

Im Erinnerungsgarten

 

Martha:

Ja, wir sind natürlich sehr politisch hier.

Also, das ist mir sehr wichtig, konkret Bezug zu nehmen zu aktuellen politischen Themen, u. a. durch solche Tafeln, auf denen irgendwelche Zitate stehen von Menschen, die ich gut finde, wie z. B. hier zum Thema Umweltschutz, dass wir, wenn wir so weiterleben würden wie bisher, wie hier steht, vier Planeten brauchten. (siehe Tafel "Info" auf der Seite "Spaziergang in den Kreativgärten") Also, wir sind sowas von unverschämt gegenüber den Ressourcen der Natur, das ist unglaublich. Und da ist ja jeder gefragt, wir sind da ja alle drin verwickelt, in dieses Konsumverhalten, ja, das ist einfach unsere Zeit, dass wir unglaublich viel konsumieren, ohne überhaupt einen Kontakt dazu zu haben, was das eigentlich heißt.

Oder die ganze Flüchtlingswelle, die hat was mit unserem Konsum zu tun. Dass die Menschen in ihren Ländern gar nicht mehr leben können, weil wir die ausbeuten, wir leben hier auf Kosten dieser Menschen. Nehmen wir z.B. Nigeria, da haben wir unsere Ölkonzerne am Machen und am Tun, wir verseuchen da die ganze Umwelt, und die Leute bleiben übrig in dem verseuchten Land, so nach dem Motto, jetzt seht mal zu, wie ihr fertig werdet. Wir haben denen ihre Lebensgrundlage zerstört, und wenn die Leute sich zu uns auf den Weg machen, bilden wir uns ein, die Grenzen zuzumachen, wäre in Ordnung. Und das ist halt so eine typische politische Situation, die hier im Gelände kommentiert wird. Also, wo Bezug genommen wird, wo auch Kunstveranstaltungen zu aktuellen politischen Themen durchgeführt werden.

 

Martha:

Und hier sind wir nun im Erinnerungsgarten, und der Erinnerungsgarten ist eine Gedenkstätte, auch im Zusammenhang mit einer Kunstausstellung am 8.5.2015, "70 Jahre Kriegsende in Darup". Ich bin der Meinung, dass solche Erinnerungsorte in ganz normales Leben eingebunden sein müssen, also nicht so abseits an irgendeiner Ecke, wo man nie ist, sondern, ich finde, Erinnerungsorte gehören mitten ins Leben, weil - ich habe hier ein schönes Zitat von Stefan US aus "Archiv des Nichts":

 

"Alles verschwindet in die Präsenz der Abwesenheit, und dieses Verschwundene formt gleichzeitig alles als unsichtbares Dazwischen im Jetzt."

 

Ich finde das Zitat sowas von gut, weil es nämlich sagt, wenn man sich mit der Vergangenheit nicht beschäftigt, ist sie irgendwie immer da, und man weiß gar nicht, um was es geht, aber irgendwie ist es da und hat eine gewaltige Macht. Und im Zuge der zunehmenden Rechtsradikalisierung auf der Welt ist das eine ganz beängstigende Angelegenheit, die mir sagt, dass die ganze auf unsere Kultur bezogene NS-Zeit gar nicht ausreichend bearbeitet worden ist, dass die ganz ungeniert eine unglaubliche Präsenz hat, so dass die AfD wieder rumagieren kann, und auch viele andere Dinge so ganz selbstverständlich wieder aktiv sind. Und ich finde, dass dies hier - der Erinnerungsgarten - ein Ort ist, daran zu erinnern, was das so macht mit einer Gesellschaft, wenn so ein totalitäres System, wie das in der NS-Zeit war, so eine Macht hat, dass es eine ganze Gesellschaft erfasst.

 

So, und diesbezüglich ist das hier ein Erinnerungsort. Und zwar sind hier Opferbeete angelegt für die Opfergruppen, an die keiner denkt im öffentlichen Raum, nämlich an die Frauen, an die Kinder, an die Zwangsarbeiter, an die behinderten Menschen, die einfach so verschwunden sind, umgebracht worden sind, - und zwar alles bezogen auf den Ort Darup hier.

 

Erinnerungsgarten

Installation "Erinnerungsgarten" von Martha Wieskus - 8.5.2015 - 70 Jahre Kriegsende

In Erinnerung an die Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen, die sich 1933 bis 1945 der NS-Diktatur in Darup widersetzt haben.

In Erinnerung an die Deserteure, die dem NS-Regime die Gefolgschaft verweigert haben.

Standbild für Darup:

Fragen:

Für welche Werte stehen die Daruper und Daruperinnen heute 2016?

Welche Positionen gibt es zu den Themen

- Vielfältigkeit

- Toleranz gegenüber dem Fremden und Anderssein

- Rechtsradikalen unserer Gemeinde

- Meinungsfreiheit

In Erinnerung an die Opfer, die aus religiösen und ethischen Gründen in Darup verfolgt worden sind:

1933 - 1945

In Erinnerung an die Vertriebenen, die hier in Darup eine neue Heimat gefunden haben.

 

Martha:

Also, dies hier ist die Stele für die verfolgten Menschen, die behinderten Menschen, für Homosexuelle und all die kleinen Gruppen, die auch verfolgt worden sind.

Wenn ich hier mit Leuten aus dem Ort diskutiere, die punktuell noch Zeitzeugen waren oder von ihren Leuten gehört haben, erfahre ich, dass hier behinderte Menschen einfach verschwunden sind.

Die weiße Fetthenne

Interessant finde ich, wie hier die Zitronenmelisse wächst und der Baldrian, und wie hier die weiße Fetthenne rundrum einen Kreis gebildet hat. Die weiße Fetthenne ist die einzige Nahrungsquelle für einen Schmetterling mit Namen Apollofalter, der vom Aussterben bedroht ist, weil es wohl diese Pflanze nicht genug gibt. Und ich hab jetzt einen ganzen Kreis davon.

In Erinnerung an die Toten, die an der Front jämmerlich gestorben sind.

In Erinnerung an die Heimkehrer, die körperlich und seelisch verletzt worden sind.

In Erinnerung an Bronislaw Tutak,

von 1940 - 1943 polnischer Zwangsarbeiter in Darup.

Am 8.4.1943 ist Bronislaw Tutak in Darup von NS-Schergen ermordet worden.

 

Martha:

1943 ist hier in Darup ein Zwangsarbeiter mit Namen Bronislaw Tutak umgebracht worden, - und der hat hier ein kleines Denkmal.

Ja, der ist hier am 8.4.1943 von vielleicht einer Handvoll NS-Schergen, die die Befehle aus Berlin 1:1 umgesetzt haben, ermordet worden.

 

In Erinnerung an die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die in Darup zur Arbeit gezwungen worden sind.

In Erinnerung an die Kinder und Jugendlichen aus Darup, die um eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit betrogen worden sind.

1933 bis 1945

In Erinnerung an die Frauen aus Darup, die von 1933 bis 1945 das Überleben organisiert haben.

In Erinnerung an die Frauen aus Darup, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind.

In Erinnerung an die Frauen aus Darup, die die Kriegsheimkehrer gepflegt und aufgefangen haben.

In Erinnerung an die Frauen aus Darup, die der Krieg zu Witwen gemacht hat.

Angela Gerding

Martha:

Und hier im Erinnerungsgarten gibt es auch ein Beet für die Frauen, das hat die Angela Gerding gestaltet, das war ihr ein großes Anliegen, - sie war zwar erst drei oder vier Jahre alt, als der Krieg zu Ende war, aber sie ist davon durch die Familie ja ganz intensiv betroffen gewesen. Und interessant ist hier auch die Vegetation, die gedeiht, obwohl es hier ziemlich schattig ist. Ich hab die Grundform gemacht und hab Angela dann gefragt, ob sie Lust hätte, dieses Beet zu gestalten, und sie hat dann die ganze Bepflanzung gemacht, so wie hier das Tränende Herz, den Frauenmantel und typische Frauenkräuter.

 

Kontakt zu Martha Wieskus hier